Der Texthobel,
die Werkstatt für Texttechnik

Pizza, Pizza
Andrea Zutz

Ich studiere die Karte. Was für eine Pizza will ich denn? Eine mit Mais, Pfefferoni, Schinken? Nein, ich mag keinen Schinken. Selbst wenn ich sage „mit wenig Schinken“, ist mir dieses Wenige noch zu viel. Da kann ich die anderen Zutaten noch so gerne essen.
Die klingt gut. Ein Extravermerk. „Scharf.“ Super! Die nehm’ ich.
Als ich mit dem Pizzakarton in der Hand den Laden verlasse, um die Pizza dann in Ruhe zu Hause auf der Couch zu essen, nehme ich mir fest vor, diesmal jeden Bissen zu genießen. Ich werde nicht schon wieder schlingen.
Das Schlingen – das habe ich von meinem Vater. Der schlingt auch immer. Obwohl – so wie er könnte ich gar nicht essen. Er schafft es sogar, sich ein ganzes Pizzastück in den Mund zu schieben. Dann beißt er knapp vor dem Rand ab und legt den übrig gebliebenen Rand zurück auf den Teller. Das finde ich immer faszinierend. Ich seh’ ihm gern beim Essen zu. Er mag das aber nicht, hasst es sogar, beobachtet zu werden – vor allem beim Essen. Deswegen beschränke ich mich darauf, ihm ab und zu einen verstohlenen Blick zuzuwerfen.
Ich bin zu Hause angelangt, lasse mich auf die Couch sinken und wende mich meiner Pizza zu. Langsam will ich sie essen, mein kleines Mahl genießen.
Der erste Bissen. Der nächste Bissen. Und noch einer. Und plötzlich ist die ganze Pizza weg.
Verdammt! Ich wollte doch langsam essen!
Ich bewundere ja die Menschen, die so richtig genussvoll essen können, die sich jeden Bissen auf der Zunge zergehen lassen. Würde aber so jemand mit mir am Tisch sitzen, würde mir wohl irgendwann der Geduldsfaden reißen, und ich würde ihn anherrschen: „Jetzt mach schon! Iss doch endlich auf!“
Ich bin eben ein ungeduldiger Mensch. Ich nehme mir schon Zeit für’s Essen, aber eben nicht mehr als nötig.
Irgendwie muss ich jetzt an meine Mutter denken. „Schmeckst du überhaupt was, wenn du alles so runterschlingst?“
Klar schmecke ich was. Diese Pizza zum Beispiel, die war scharf. Aber was für Zutaten verwendet wurden? Ich überlege. Also, da waren Zwiebel, Salami ... – aber halt, jetzt schummle ich. Das habe ich vorhin alles auf der Speisekarte gelesen. Aber habe ich es auch wirklich geschmeckt? Ich weiß es gar nicht. Aber was soll’s? Gut war’s. Was will ich mehr?

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