Der Texthobel,
die Werkstatt für Texttechnik

Das rote Kleid
Saskia Hula

Es kommt ihm ewig vor, dass er in diesem abgefuckten Zimmer auf sie wartet. Die Schachtel Zigaretten, die er am Vormittag am Bahnhof gekauft hat, ist fast leer. Der kalte Rauch übertüncht längst den Duft des Rasierwassers. Mit langen Schritten geht er auf und ab, vorbei an der schlecht schließenden Balkontür, vorbei an den hässlichen Kunstdrucken, auf und ab, setzt sich auf das geschmacklose Doppelbett, schlägt die Füße übereinander, zählt bis 20, bevor
er wieder aufspringt, um auf- und abzugehen.
Sie sollte längst da sein. Die Maschine hätte längst landen müssen, warum auch nicht, das Wetter ist großartig, es gibt nicht den geringsten Grund für eine Verspätung, außer den, dass sie sowieso ständig zu spät kommt. Ständig zu spät kommen muss, weil sie es braucht, dass man auf sie wartet. Anscheinend.
Missmutig schüttelt er eine neue Zigarette aus der Packung, die letzte, zündet sie an. Die eine raucht er noch, dann geht er.
Er hat genug vom Warten. Sie braucht sich nicht einbilden, dass sie ihn ewig warten lassen kann. Er hat das nicht notwendig. Nicht die langen Zugfahrten, nicht die billigen Hotelzimmer und schon gar nicht diesen ewigen, nagenden Ärger, wenn sie nicht kommt. Diesen Ärger, den er nie ganz los wird und der sich ihm auf den Magen schlägt. Selbst wenn sie dann endlich da ist, wird er diesen Ärger nicht los. Es ist dieser Ärger, der ihn dazu treibt, sie grober anzugreifen als er vorgehabt hat, der ihm die Worte nimmt, die er ihr sagen wollte. Und es ist dieses perfekt gestärkte rote Kleid, das sie im Dienst trägt, das er einfach nicht mehr sehen kann, dieses ewig saubere und vollkommene Kleid, das eine Mauer zieht zwischen ihm, der hier seit Stunden auf sie wartet und ihr, die eben erst herein kommt, müde vielleicht nach einem langen Flug, aber frisch und adrett wie immer. Es ist wie eine Feindschaft zwischen ihm und diesem Kleid, und er ist jedes Mal erst zufrieden, wenn es zusammengeknüllt und unkenntlich in irgendeiner Ecke liegt und sie wieder die ist, die sie früher war.
Sie versteht das natürlich nicht.
„Pass doch auf“, sagt sie dann vorwurfsvoll mit dünnen Lippen. „Sei doch nicht so grob!“ Sie versteht nicht, dass das etwas Persönliches ist zwischen ihm und diesem Kleid.
Er nimmt einen letzten tiefen Zug. Die Zigarette ist zu Ende. Er dämpft sie zwischen den anderen Stummeln aus. Seine Hände sind feucht.
Es tut ihm nicht gut, auf sie zu warten. Er wird das nicht mehr tun. Er wird jetzt gehen. Soll sie sich doch fragen, wo er geblieben ist.
Er greift nach seinem Mantel, zieht in zu sich, streift dabei den Aschenbecher, der klirrend zu Boden fällt. Er schlüpft fluchend in den Mantel, nimmt seine Tasche und den Zimmerschlüssel. Er wird ein neues Leben beginnen, ein Leben ohne sie.
Er öffnet die Tür. Die Türklinke ist eiskalt.
Vor der Tür steht sie, in ihrem roten Kleid.
„Wieso kommst du erst jetzt?“, fragt er mit trockenem Mund und streckt die Hand nach ihr aus.
Sie weicht einen Schritt zurück.
„Es ist aus“, sagt sie. „Ich wollte es dir nur persönlich sagen. Es ist vorbei.“
Sie dreht sich um und geht den langen Gang entlang. Ihr rotes Kleid leuchtet.

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