Der Texthobel,
die Werkstatt für Texttechnik

Durst
Shobha Hamann

Verschlafen, angezogen, losgefahren, eigentlich erst im Auto aufgewacht. Nichts getrunken, nicht das Wasser am Bettrand, den Tee zwischen Aufstehen, Duschen und Abfahren.
Der Mund, die Kehle sind trocken. Stimmübungen im Auto – der Atem raspelt über die Stimmbänder, erzeugt ein trockenes, heißes Gefühl in der Nase.
Eine Zigarette anzünden. Der Rauch schmeckt nicht. Noch einen Zug nehmen, die Zigarette zum Fenster hinauswerfen.
Ankommen, parken. Das Haus betreten, die Empfangsdame grüßen. Den Seminarraum betreten – fünf Minuten zu spät. Zehn Frauen sind da. Freundliches Lächeln. Die Innenseite der Wangen und Lippen bleibt an den Zähnen kleben. Die Kollegin umarmen. Freundliche Worte sagen. Die Arbeit kann beginnen.
Ich müsste auch auf die Toilette. So viel Flüssigkeit vorhanden, aber an der falschen Stelle.
Es ist merkwürdig – mit dem Mangel an Flüssigkeit scheint sich der Körper zu verdunkeln, jede einzelne Zelle. Das Gaumenzäpfchen wird ein Knötchen. Die Worte bilden sich nicht mehr von alleine im Mund, jede einzelne Silbe muss bewusst geformt werden. Ich gebe ab an die Kollegin, soll sie doch reden. Blick auf die Uhr – noch fünf Minuten.
In der Pause gehe ich in die Teeküche. Dort steht der Filter für Grander-Wasser. Ich fülle ein großes Glas. Der erste Schluck – er scheint gar nicht aufgenommen zu werden, gleitet durch den Mund, den Rachen wie über Aluminium.
Trotzdem – trinken. Das Wasser hat Raumtemperatur. Es ist gut. Nach was schmeckt gutes Wasser? Nicht nach Chlor, nicht nach Eisen, nicht leer. Es schmeckt füllig, freundlich. Es streichelt die Geschmacksknospen, die Poren auf seinem Weg durch den Mund, durch die Speiseröhre, in den Magen. Es schließt Freundschaft mit den Körperzellen.
Noch ein Glas. Langsam kommt die Flüssigkeit an, verteilt sich. Würde mir ein Mensch glauben, wenn ich sagte, dass Lichtwerden etwas mit Wassertrinken zu tun hat?

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