Der Texthobel,
die Werkstatt für Texttechnik

Finsterstern und Funkelstein
Barbara Peters

„Du bist gar kein richtiger Stern!“, schreit Glitzer.
„Genau! Du bist einfach nur so ein finsteres, schwarzes Etwas!“ , ruft Glimmer.
„So was wie du ist doch kein Stern – so was ist ein oller Finsterling!“
Funke lacht verächtlich.
Die Sterne kichern und verschwinden am Nachthimmel.
Sie lassen ihn allein. Wie jeden Abend.
Rechts und links von Finsterstern funkeln sie in der Dunkelheit.

Traurig blickt Finsterstern an sich herab.
Er ist schwarz.
Schwarz wie Kohle.
Schwarz wie Tinte.
Schwarz wie der mondlose Nachthimmel ohne die Sterne.
Rabenschwarz.

Er hat einen perfekten Sternenkörper mit fünf wunderbaren Zacken.
Es gibt viele Sterne, deren Zacken nicht so gleichmäßig und schön sind, wie seine.
Und dennoch passt er nicht zu den anderen Sternen.
Die anderen funkeln und glitzern, sie leuchten und strahlen.
Sie schmücken den Nachthimmel mit ihrem Licht.

Er aber kann sich anstrengen, soviel er will – niemand sieht ihn des Nachts am Himmel, denn er, Finsterstern, ist einfach nur – schwarz.

Finsterstern will nicht mehr traurig sein. Er will nicht mehr abseits stehen.
Deshalb nimmt er Anlauf.
Er läuft und läuft.
Er rennt und rennt.
Schneller und schneller rast er über den nächtlichen Himmel und dann – kurz bevor er über den Rand in die Tiefe stürzt, springt er ...
In einem atemberaubenden, wilden Sprung saust er hinab zur Erde.
Er taucht durch die Wolken.
Der Fahrtwind braust in seinen Ohren.
Die Wipfel der Bäume kitzeln seinen Bauch.
Es ist herrlich.

Pladderadatsch!
Finsterstern knallt in den Sand.
Vor lauter Begeisterung hat er vergessen zu bremsen.

Ein wenig benommen rappelt er sich auf.
Wo ist er bloß gelandet?
Er hört ein leises, gleichmäßiges Rauschen.
Ab und zu werden seine Zackenspitzen feucht.
Sehr seltsam.

Und dort hinten – was ist das? Dort hinten leuchtet etwas. Es funkelt und blinkt.
Finsterstern seufzt. Ein Stern – natürlich.
Ja, kann man den blöden, eingebildeten Sternen überhaupt nicht aus dem Weg gehen?
Wie weit muss er springen, um sie endlich loszuwerden?
„Woher kommst du, Fremder?“, ruft der blinkende Stern.

Zumindest beschimpft er mich nicht, denkt Finsterstern.
Aber warum nennt er mich Fremder? Alle Sterne kennen mich doch.

Mit nassen Zacken wandert Finsterstern durch den Sand zu dem glitzernden, unbekannten Stern.

Erstaunt bleibt er stehen.
Vor ihm, im feuchten Sand, liegt ein seltsames, funkelndes, leuchtendes Ding.
Es hat Ecken und Kanten.
Es hat sogar ein Loch in der Mitte.
Ja, tatsächlich! Durch den Bauch des Glitzerdings hindurch kann Finsterstern das Wasser sehen, das ständig auf den Sand fließt und wieder verschwindet.

Das ist kein Stern.
Finsterstern kennt jedenfalls keinen Stern mit einem Gucklochbauch.
„Guten Abend!“, sagt Finsterstern höflich.
„Guten Abend!“, ruft das Glitzerdings, das ganz sicher kein Stern ist.
„Verzeihung“, fragt Finsterstern neugierig. „Wer bist du?“
„Funkelstein!“, sagt das Ding mit dem Gucklochbauch. „Ich heiße Funkelstein und ich bin ein Stein – auch wenn die anderen Steine das nicht glauben.“
„Ein Stein?“, fragt Finsterstern. „Du bist kein Stern, sondern ein Stein?“

„Fang du bloß nicht damit an!“ Funkelsteins Stimme klingt ein wenig verärgert. „Das höre ich den ganzen Tag. Nein – ich bin kein Stern. Ich bin ein Stein. Und ja, ich glitzere und funkle, wie ein Stern – aber ICH BIN TROTZDEM EIN STEIN!“

In Finstersterns Bauch gluckst ein Lachen. Ein kleines, glückliches Lachen.
Er kann Funkelstein so gut verstehen.
„Ich heiße Finsterstern“, stellt er sich vor. „Finsterstern. Und ich bin schwarz. Ich funkle nicht. Ich glitzere nicht und ich bin trotzdem ein Stern.“

„Echt?“, fragt Funkelstein.
„Ja!“, sagt Finsterstern und das Lachen steigt höher. Es kitzelt in Finstersterns Nase. Es blubbert aus Finstersterns Mund und er lacht und lacht und lacht ...
„Du?“, fragt Funkelstein vorsichtig. „Was meinst du – wollen wir Freunde sein?“
„Na klar!“, ruft Finsterstern. „Beste Freunde! Funkelstein und Finsterstern – Freunde für immer!“

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