Der Texthobel,
die Werkstatt für Texttechnik

Pamphlet wider den Frühling
Thomas Happ

Ahhh, trotz aller nüchternen, wissenschaftlichen Fakten über Hormonausschüttung, Biorhythmus und ähnlicher krankenhausbehafteten Begrifflichkeiten kann einem doch wirklich nichts die Wirkung der ersten Sonnenstrahlen, der geballten 10.000 Lux mitten ins Herz, madig machen. Eine Fülle an Adjektiven ertönt jeden Frühling aus den Mündern all der wintergeplagten Menschen in jenen Tagen, pünktlich wenn die ersten warmen Sonnenstrahlen die Erinnerung an die gefühlten 10.000 Jahre Eiszeit schneller dahinschmelzen als sie das erste Eis vom Stanitzel stupsen. Herrlich, toll, super, geil, schön, angenehm, lange erwartet, grade noch rechtzeitig für die armen Blumen, gar nicht stark genug sein könnend. Die Liste lässt sich beliebig lange fortsetzen. Man könnte meinen, die gute Laune der Menschheit verzieht sich in den Winterschlaf um erst mit den Bären im Frühjahr daraus zu erwachen. Auch das Wort Frühlingsgefühle deutet darauf hin, fast so als gäbe es im Winter keine Gefühle, maximal eine Winterdepression. Und Sex gibt es natürlich bei Schnee auch keinen und alle August bis Oktober-Geborenen sind statistische Ausreißer oder Fälschungen. Lang lebe das Internet und das künstliche Licht, welches uns ermöglicht, auch im Winter Zeit für negative Gedanken zu haben, nicht so wie unsere Vorfahren, die 16 Stunden Finsternis bei Funzelillumination und Kaminfeuer natürlich lediglich zum Bibelstudium genutzt haben.

Gerne erlebt Weihnachten im April oder Mai eine Renaissance als Zwanghafte-Beste-Laune Zeit. Alle bilden sich ein, im Frühling Guter Dinge sein zu müssen, nur weil es länger hell ist und gelegentlich das Thermometer die Teenie-Bereiche hinter sich lässt. Dabei gäbe es eine Reihe von Gründen, den April zu verfluchen. Nicht nur Tiere erwachen nämlich im Frühling, auch Legionen von Pflanzen sind der Ansicht, die reine Luft verpesten zu müssen und ejakulieren die Allergiker förmlich zu Tode. Auch die Trennungszahlen sind im Frühling auf Christkind-Niveau, was jene frisch gebackenen Singles vor das Dilemma stellt, mit wem sie ihre Frühlingsgefühle ausleben sollen. Auch arbeitstechnisch und finanziell trägt der Frühling oftmals nicht zur Zufriedenheit bei. Je wärmer das Wetter, desto teurer der Garderobewechsel und desto grässlicher die Traumata der Verkäufer und –innen beim Anblick der zu allem bereiten Schnäppchenjäger. Und das zum ungünstigsten, weil vom Urlaubs- und Weihnachtsgeld gleich weit entfernten, Zeitpunkt, quasi dem Totpunkt der Liquidität. Den Gnadenstoß für alle Frühlingsfanatiker aber stellt die dem Frühling ureigenste Unzuverlässigkeit dar. Den noch sehr labilen Cocktail der Hormone stürzt jeder kleine Rückfall in winterliche Temperaturen, jeder bedeckte Tag, jeder Regenguss in eine existentielle Krise. Oftmals sind dann die Sonnenanbeter dem kollektiven depressiven Anfall nahe, nur um beim Anblick der schwächsten Sonnenstrahlen in mindestens gleichstarke Euphorie auszubrechen. Wenn der Winter die Phlegmatik unter den Jahreszeiten darstellt, ist der Frühling eindeutig die Manisch-depressive Persönlichkeitsstörung.

Und erst der Sommer…, ja der Sommer ist schon wieder eine eigene Hetzrede wert. Aber bis dahin haben wir ja noch ein wenig Zeit, uns ganz der unheilvollen Abhängigkeit zum Frühling hinzugeben. Oder wir erklären unsere Launen und unsere Handlungen als einzig von unseren Entscheidungen abhängig. Dann dürfen wir gar im Sommer nach Nord-Norwegen flüchten oder den Winter zur heißesten Saison erklären.

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