Der Texthobel,
die Werkstatt für Texttechnik

Schatz im Acker
Andreas Weiss

Klaus stand auf der Brücke. Vor ihm das geborgte Feriendomizil: Ein Fertigteilhaus mit Giebeldach, zweigeschossigem Wintergarten und azurblauen Fensterrahmen. Die Silhouetten hervorgehoben durch gelblich schimmernde Holzbeplankung.
Er sperrte auf. Über ihm die verblasste Signatur der Heiligen Drei Könige. Im Flur standen zerrissene Stoffpatschen und wattierte Schlüpfer mit Mickey-Mouse-Gesichtern neben lehmverschmierten Arbeitsschuhen. Klaus kniete sich nieder, zog seine spitzen Boss Halbschuhe aus und stellte sie dazu. Im Aufstehen sah er einen tönernen Weihbrunnen an der Wand. Kein Wasser. Nur ein verwackeltes PX eingraviert.
Klaus ging weiter in den Wohnbereich. Ein einziger großer Raum. Fenster reihte sich an Fenster. Licht drang ungehindert in das Haus und traf auf eine massive Holzdecke, deren Träger Schatten warfen. Wände, Fliesen, Couch, Ölbilder, eine Hochzeitskerze: Alles war erdfarben, nur beim Übergang zur Küche hing ein blaues Kreuz an der Wand.
Über eine hölzerne Wendeltreppe gelangte er ins Obergeschoß. Die Decke reichte bis zum First. Ein Fenster füllte die gesamte Vorderfront aus. Wuchtig, herrisch.
Klaus zählte vier Türen. Er öffnete die ihm am nächsten liegende. Ein Doppelbett stand mitten im Raum. Auf einem Nachtkästchen lag eine verschlossene Packung Kondome, daneben ein Bücherstapel.
Er las die Titel: „Nitzsche – Gesamtausgabe“, „Die Bibel“, „Das Parfüm“, „Wie man einen verdammt guten Roman schreibt“, „Sinnlich schreiben, die Königsdisziplin“, „Krebsvorsorge mit 40“, „Potent bis ins hohe Alter“.
Auf dem Boden neben dem Bett lag eine Krawatte. Sie sah aus wie ein schlangenförmiger Wegweiser zum begehbaren Schrank. Klaus zog die Schiebetür beiseite und löste einen Bewegungsmelder aus. Er erschrak.
Zu seiner linken sah er jede Menge Hemden, Jeans und weitere Krawatten. Eine davon trug das Emblem vom Stift Kremsmünster. Rechts dasselbe. Nur ohne Krawatten. Dafür prall gefüllte Bastkörbe mit Damenunterwäsche. Klaus wandte sich wieder der Männerseite zu und blätterte durch die T-Shirts. Ein ungewöhnlich dickes Adidas Leibchen blieb an seinem Daumen hängen. Er zog es heraus. Etwas fiel zu Boden. Er hob es auf und hielt ein Hochglanz-Magazin in Händen.
„Fühl dich wie zuhause!“, hatte Franz zu Klaus gesagte.
„Gerne“, antwortete er in Gedanken, klemmte die Zeitschrift unter den Arm und suchte das Gästezimmer.

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