Der Texthobel,
die Werkstatt für Texttechnik

Warum ich schreibe
Innerer Monolog mit Serena, der Proponentin von „Morgentee“
von Shobha Hamann

Wenn du so vor mir sitzt und mich anschaust, Serena, werde ich ziemlich unsicher – ich denke, wie kann ich so einer großartigen Frau gegenüber behaupten, dass ich schreibe, ja, dass ich sogar Autorin bin. Jetzt lachst du, sagst, deine Gedichtbände brauchen auch immer Förderung, na ja, ist ja wahr.
Fritz Perls hat gesagt, man solle nie warum fragen, weil es da keine richtigen Antworten drauf gibt, sondern nur Begründungen, und die kommen aus dem Verstand. Mann solle nach dem wie fragen – dann bleibt man aufmerksam und kann beobachten. Na gut, jetzt habe ich das auch gesagt.
Ich hatte schon als junge Frau das Bedürfnis zu schreiben. Ich sah mich in diesem einfachen Haus mit Blick aufs Meer in Süditalien leben. In meinem Gärtchen Zwiebeln, Tomaten und Zinnien, auf meinem Tisch die Adler Reiseschreibmaschine und Stapel von Manuskripten und Artikeln, die in aller Welt veröffentlicht wurden. So einfach war das damals.
Als Schülerin habe ich einmal einen Preis für einen guten Aufsatz gewonnen – zu Gast beim baden-württembergischen Kultusminister zusammen mit den anderen PreisträgerInnen Baden-Württembergs. Ich habe die drei Tage in einem inneren Konflikt verbracht – mir gefiel, dass wir geehrt wurden, andererseits war der Kultusminister Hahn, er hatte den Spitznamen König Silberzunge, ziemlich unbeliebt, und ich wollte ihm meine schlechte Meinung in Form von verächtlichen Blicken ausdrücken.
Später habe ich angefangen Tagebuch zu schreiben, besonders, als ich in England lebte und als ich durch Indien reiste. Ich weiß nicht mehr, was ich geschrieben habe, aber es hat mir gut getan, irgendwo auf de Welt zu sein und in mein Tagebuch zu schreiben – ich glaube, so haben sich Einsamkeit und Unsicherheit in etwas anderes verwandeln können. Und dann gab es die Wut, die Hasstiraden, das Beleidigtsein – vielleicht sollte ich mal in meinen Tagebüchern lesen. Jetzt lächelst du – liest du eigentlich manchmal in deinen eigenen Tagebüchern, Serena, oder nur in denen von Douglas? Was – ich soll nicht so neugierig sein und dir auch ein bisschen Privatheit lassen? Raffiniert!
Am Foothill College in Kalifornien hat sich mit Nina Holzer das Tagebuch-schreiben in einen meditativen Prozess verwandelt, irgendwo im Freien zu sitzen und die Aufmerksamkeit war mal nach innen gerichtet, dann wieder nach außen. - Schön.
Und später im Burgenland das Märchenschreiben, da war interessant, wie sich Stück für Stück ein Thema hochgearbeitet und aufgelöst hat.
Na gut, ich kann schon zusammenfassen, warum ich schreibe:
1. Es ist ein preiswertes Hobby, zunächst braucht man nur einen Stift und Papier.
2. Man kann überall schreiben, wo man ein bisschen Licht hat, wo es halbwegs trocken und warm genug ist.
3. Mir gefällt, dass ich beim Schreiben über Erlebtes nachdenken und dadurch eine innere Ordnung finden kann.
4. Mit Briefen oder e-mails kann ich Kontakt zu Freunden und Freundinnen halten.
5. Ich kann Wünsche affirmieren, Träume gestalten oder ganz neue oder ganz alte oder ganz andere Welten schaffen.
6. Schreiben ist etwas Natürliches für mich.
7. Die Frage sollte vielleicht heißen, warum so viele Leute nicht schreiben.

So, liebe Serena, jetzt werde ich schlafen. Vielleicht träume ich ja von dir oder du von mir? – Gute Nacht!

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